Das Evangelium nach Thomas - Einführung


 

Einleitung koptisch


„Dies sind die geheimen Worte, die Jesus der Lebende sprach
und die Didymus Judas Thomas aufgeschrieben hat.“

 

So lautet die Übersetzung des ersten Satzes der 1945 in Nag Hammadi/Ägypten in einem Tonkrug entdeckten Schriftrollen. Dabei handelt es sich um eine koptisch-gnostische Bibliothek, die eine Sammlung von 114 Logien (Sprüchen) Jesu beinhaltete mit der Bezeichnung „Evangelium nach Thomas“. Der Codex II von Nag Hammadi wird auf 400 n.Chr. datiert, jedoch reichen die Handschriften mit Sicherheit bis in das 1. Jahrhundert n.Chr. zurück.

 

Gemäß der Beschreibung des Thomas-Evangeliums in der Sammlung der neutestamentlichen Apokryphen von Wilhelm Schneemelcher (1914–2003) beauftragte Jesus nach seiner Auferstehung Philippus, Matthäus und Thomas mit der Niederschrift seiner Worte. Wer diese letztendlich verfasst hat, wird niemand mit Sicherheit sagen können. Ich nenne ihn in diesem Buch Thomas.

 

Belegt ist ein Zitat Hippolyts (gest. 235) in seinem Bericht über die Nassener aus einem „Evangelium nach Thomas“; auch Origines (185-254) sowie Eusebius von Caesarea (gest. 339) erwähnen das Evangelium nach Thomas als ein apokryphes Evangelium. Von Philippus von Side (380-431) ist die Erklärung überliefert, das Thomas-Evangelium sei von den Kirchenältesten als häretisches Werk angesehen und verworfen worden. Griechische Gelehrte ordnen das Evangelium nach Thomas den Manichäern zu, einer philosophisch-religiösen Gruppe mit gnostischer Tradition, gegründet von dem persischen Weisen Mani (216-276), der sich selbst nach Jesus und Buddha als den letzten Propheten bezeichnete. Erwähnenswert ist, dass der Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430) vor seinem Übertritt zum Christentum neun Jahre lang den Manichäern angehörte. Mit Sicherheit wurde das Thomas-Evangelium im Manichäismus als Weisheitslehre benutzt.

 

Wie kam das Evangelium in den Wüstensand? Der korrekte Fundort der Schriftrollen ist das frühere Chenoboskion, auf dem rechten Nilufer am Fuße des Gebel-al-Tarif-Gebirges, zehn Kilometer nordöstlich der Nilbrücke von Nag Hammadi gelegen. Dort gründete der Wüstenvater Pachomios im vierten Jahrhundert die ersten christlichen Gemeinschaftsklöster, zu deren Bibliothek wahrscheinlich die Schriftrollen gehört haben. Nachdem im Jahr 325 auf dem Konzil von Nizäa das Bekenntnis zum Diophysitismus formuliert wurde, der Göttlichen und der menschlichen Natur Jesu Christi, und vierzig Jahre später im Jahr 367 ein Hirtenbrief des Patriarchen von Alexandria ins Koptische übersetzt wurde, galten alle davon abweichenden Lehren nun als häretisch. Vermutlich waren es die Mönche von Chenoboskion, die die brisanten Schriften in einem Tonkrug im Wüstensand vergruben.

 

Ende des 19. Jahrhunderts wurden in einer antiken Müllkippe bei Oxyrhynchus in Ägypten drei Manuskripte des Thomas-Evangeliums in griechischer Sprache in den sogenannten Oxyrhynchus Papyri entdeckt. Der Text sowie die Reihenfolge der Logien stimmen in den beiden Funden jedoch nicht überein, der koptische Text weist eine stärkere gnostische Tendenz auf, und ich beziehe mich in diesem Buch ausschließlich auf die Schriften von Nag Hammadi.

 

Schon manche Autoren haben sich an das Thomas-Evangelium herangewagt. Einige befassen sich mit der Grammatik, andere mit den Geschichtsdaten, aber nur sehr wenigen geht es um die wahre Lehre Jesu aus einem erwachten Bewusstsein. Da die Papyrus-Seiten lückenhaft sind, haben auch die Übersetzer ihre Eigeninterpretationen gemäß ihres Bewusstseins eingefügt. Die deutschen Übersetzungen ergaben für mich oft keinen Sinn, und erst nach dem Vergleichen des englischen Textes verschiedener Übersetzer konnte ich erkennen, was Jesus gemeint haben könnte. Daher habe ich meinen deutschen Text erst nach der Auswahl der sinnvollen englischen Übersetzungen verfasst (siehe Quellenangaben).

 

Ich interpretiere die Logien nach dem einen Bewusstsein, das der Gnosis gleich ist, jedoch eine neue Seinsform des Menschen ausdrückt - die des Einsseins in Gott. Es geht nicht mehr um die Anerkennung der Göttlichen Präsenz jenseits aller Erscheinungsformen, es geht vielmehr um die Verschmelzung des Menschen mit dieser Göttlichen Präsenz. Wir werden selbst zu dem All-Einen, eins mit Gott und eins mit allem in uns und um uns herum. Es wird am besten ausgedrückt in der Philosophie des Advaita Vedanta, wortwörtlich übersetzt, dem „nichtdualen Ende des Wissens“, die den Upanishaden entstammt. Auch die christlichen Mystiker schöpften aus dem Schatz des einen Bewusstseins, wonach das Wissen nicht mehr nach seiner Herkunft, sondern nach seiner Wahrheit verstanden wird. Was nicht nichtdual ist, gehört zur Polarität und somit zu der irdischen, vergänglichen Wahrheit.

 

Der Erkennungssatz dessen, der am Ende des Wissens angelangt ist, heißt: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Verfasst wurde diese Erkenntnis von einem unbekannten englischen Mönch Ende des 14. Jahrhunderts mit dem Buchtitel „The Cloud of Unknowing“; der deutsche Theologe Willi Massa übersetzte es 1974 mit dem Titel „Die Wolke des Nichtwissens“. Gemäß meines Stands des Nichtwissens schließt das Evangelium nach Thomas alle anderen Evangelien mit ein, und alle Interpretationen fließen in die eine Wahrheit wie in einen Krug hinein. Es gibt nichts Richtiges, weil es nichts Falsches gibt, und es gibt nicht nur die eine Wahrheit, weil dadurch die andere ausgegrenzt würde. Alles ist richtig, weil alles gebraucht wird. Nicht innen oder außen, sondern wie innen, so außen, und wie oben, so unten, lautet das Gesetz des Sichtbaren und Unsichtbaren.

 

Markus, Matthäus und Lukas haben die vielleicht „schöneren“ Evangelien geschrieben. Mit vielen Geschichten, Parabeln und Gleichnissen, die sich nett lesen, worüber man meditieren und die man auch zur Lektüre am späten Abend nutzen kann. Das Thomas-Evangelium verbindet alle miteinander. Es hebt das Menschlich-Irdische, das Abgrenzende-Egoverbundene, hinauf auf das Bewusstsein des all-einen Göttlichen Bewusstseins, worin alles enthalten ist und alles seinen Platz und seinen Wert hat.

 

Dieses Evangelium ist nicht „nett“, es eignet sich auch nicht als Gutenachtgeschichte. Es ist vielmehr ein Evangelium zum Aufwachen. Ein Evangelium für die Erwachten, für die Menschen, die sich auf dem spirituellen Weg befinden, für die Erleuchteten, die Gott bereits gerufen hat, aber auch für jene, die sich – wie die meisten – wieder auf dem Rückweg befinden, hinein in das bequeme Leben des Angepasstseins und der vermeintlichen Sicherheit.

 

Es ist für all jene, die verzweifelt in der Wüste feststecken und nicht mehr weiter wissen. Es ist für all jene, die tief traurig sind und meinen, Gott habe sie verlassen. Es ist für alle, die sich entweder auf dem Weg nach Golgatha befinden zu ihrer eigenen Kreuzigung oder diese schon hinter sich gebracht haben. Sie werden erwachen, und sie werden erkennen, dass sie nicht mehr der sind, der sie einmal waren, und dann finden sie in dem Thomas-Evangelium einen guten Wegweiser und Helfer für ihren weiteren Weg.

 

Das Thomas-Evangelium passt auch nicht zu den angepassten Kirchgängern, die meinen, wenn sie sich einmal in der Woche, im Monat oder im Jahr mit „zwei oder drei in Seinem Namen“ in der Kirche versammeln, erschiene Jesus in ihrer Mitte und alles sei gut. So funktioniert Transformation nicht. Überhaupt ist das Thomas-Evangelium nicht katholisch, sondern für jene bestimmt, die darüber hinausgewachsen sind, die Gott in sich gefunden haben und die sich mit ihrer allumfassenden Liebe als Katholik nicht mehr über andere Menschen erheben wollen. Einige christliche Mystiker haben dies erkannt, wie Rafael Arnáiz Barón, Thomas Merton, Teresa von Àvila, Johannes vom Kreuz und Meister Eckehart.

 

Das Thomas-Evangelium ist geschrieben für Freigeister, für freie Menschen, die wissen, da gibt es mehr als ständiges Nachplappern von Bekenntnissen und Befolgen von Dogmen, die den Menschen übergestülpt, jedoch nicht hinterfragt werden. Gott allein genügt, und nur in der Einheit mit Gott haben sie alles in sich vereint, was sie zum Leben und Sterben brauchen.

 

Das Thomas-Evangelium ist ein Paradoxon: ein Friedensevangelium und gleichzeitig eine Kriegserklärung, eine Liebesgeschichte und gleichzeitig die Absage an die rosaroten Wolken derer, die meinen, die Liebe sei nur eine private Angelegenheit. Vor allem ist das Thomas-Evangelium geschrieben für den Himmel und für die Erde, jedoch nicht für diese Welt. Es fordert in der Tat dazu auf, diese Welt zu verlassen und einen neuen Himmel und eine neue Erde in sich selbst zu schaffen – und das alles in einem, in diesem Leben – wenn das nicht revolutionär ist! Kein Wunder, dass dieser Idee nur wenige folgen können und wollen.

 

Zu guter Letzt möchte ich noch die Frage beantworten, warum ich dieses Buch schreibe. Ich sehe mich als Mittlerin zwischen Mensch und Gott, Leben und Tod, Himmel und Erde. Wie die meisten Schriftsteller schreibe ich nicht nur für die Leser, sondern auch, um mir selbst über meine spirituelle Entwicklung klarzuwerden und evtl. einiges zu korrigieren, was noch verbesserungswürdig ist. Sicher ist meine Weisheit nicht das letzte Wort, und ich möchte sie auch niemandem überstülpen, vielmehr ist sie das Ergebnis der Entwicklung meiner Seele bis hin zu der Erkenntnis Gottes in mir, und das ist die Freiheit, von der ich mein Leben lang wusste, dass es sie gibt, ich musste sie nur finden.

 

Die in diesem Buch erwähnten Zitate und Eigennamen sind am Buchende unter „Erwähnungen“ vollständig aufgeführt.

 

Ich wünsche den Lesern ein offenes Herz, damit sie die eine Wahrheit in Liebe aufnehmen und die Freiheit, die ich meine, erlangen.